Effizienz und Profitabilität sind im Mittelstand das A und O. Doch was, wenn die Gewinne eines IT-Unternehmens nicht in neue Firmenwagen, sondern direkt in die Unterstützung kranker Kinder fließen? Die Rückensturm gGmbH aus der Region Würzburg geht genau diesen radikal ehrlichen Weg. Durch ihr einzigartiges Modell finanzieren sie ihre Verwaltungskosten über professionelle IT-Services selbst, sodass jeder gespendete Euro ohne Abzug dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Im Interview erklären Sebastian und Jenny, warum sie sich bewusst für Kinder ohne klare Diagnose einsetzen, wie lokale Unternehmen durch ihre IT-Aufträge Gutes tun können und was das soziale Unternehmertum für sie persönlich bedeutet.
1. Die Vision: IT mit Herz
„Ihr bietet hochprofessionelle IT-Services für den Mittelstand an – eine Welt, in der es oft nur um Effizienz und Zahlen geht. Bei euch fließen die Gewinne jedoch direkt in die Hilfe für schwer kranke Kinder. Was war für dich der Moment, in dem du entschieden hast: Ich will meine Zeit nicht mehr nur für Business-Ziele nutzen, sondern um Familien in ihren schwersten Stunden den Rücken freizuhalten?“
Sebastian: Eigentlich gab es nicht „den Moment“. Das war ein Prozess. Mit meinem Ingenieurbüro, das ich hauptberuflich betreibe, war ich an einem Punkt, an dem ich die IT hätte fremdvergeben müssen. Allerdings hatte ich Hemmungen, ein teures fremdes Unternehmen an meine Daten zu lassen. Parallel dazu schwelten in mir einige gemeinnützige Ideen, die aus der Benefiz-Radtour zu meinem 10jährigen Jubiläum entstanden sind. Diese wollte ich aus Haftungsgründen mit einer GmbH betreiben. So entwickelte sich die Kombination aus beidem zur Rückensturm gGmbH mit vielen Vorteilen. Das sind zum einen die eigenen, vertrauten Mitarbeiter für das IT-Thema sowie die beinah grenzenlosen Möglichkeiten im gemeinnützigen Bereich. Dass sich nach nun zwei Jahren der soziale Hintergrund viel breiter und vielfältiger entwickelt hat, ist ein positiver Nebeneffekt, der mich sehr freut!
2. Emotionale Nähe: Wenn aus Unterstützung Verbundenheit wird
„Auch wenn ihr Familien nicht medizinisch begleitet, entsteht durch eure Hilfe oft eine tiefe Nähe – vor allem zu den Kindern, weil ihr ihre ganze Geschichte kennt und miterlebt. Ihr habt bereits zwei Kinder verloren, die ihr unterstützt habt. Wie geht ihr als Team mit diesem Schmerz um – und was gibt euch die Kraft, trotzdem weiterzumachen und Hoffnung für andere Familien zu sein?“
Jenny: Ich persönlich kenne auch den Teil der medizinischen Begleitung und den Verlust seit vielen Jahren – durch meine Arbeit auf der Krebsstation. Man lernt irgendwann, dass Abschied leider dazugehört. Aber man gewöhnt sich nie ganz daran. Es ist bei jedem Kind anders: Bei dem einen fällt es einem leichter, bei dem anderen trifft es einen mitten ins Herz. Das hängt immer von der Verbindung ab, die entsteht.
Was wir uns erlauben: kurz mitzutrauern. In Gedanken bei den Familien zu sein. Und auch anzuerkennen, wie unfair das alles ist – denn nein, fair ist das ganz sicher nicht. Kein Kind sollte sowas durchmachen müssen, und keine Familie verdient so einen Weg.
Aber irgendwann kommt auch der Punkt, an dem man sich bewusst zwingen muss, wieder weiterzumachen – nicht aus Kälte, sondern weil es sonst nicht geht. Und weil wir wissen: Für die Kinder ist es jetzt besser. Kein Leiden mehr, keine Schmerzen, kein Kampf. Ich stelle mir das immer so vor, dass sie jetzt das ganze Jahr einen fetten Kindergeburtstag über den Wolken feiern. Das hilft, es irgendwie einzuordnen. Und genau das gibt uns auch Kraft: Es gibt so viele Kinder und Familien, die unsere Hilfe brauchen. Das ist Motivation genug, um weiterzumachen – immer wieder. Weil jedes Kind zählt.
3. Hilfe im ‘Toten Winkel’: Kinder ohne Diagnose
„Ein besonderer Fokus liegt bei euch auch auf Kindern, die schwer krank sind, aber seit über einem Jahr keine klare Diagnose erhalten. Warum fallen gerade diese Familien so oft durch das Raster unseres Sozialsystems und wie könnt ihr hier unbürokratisch einspringen, wo andere Stellen noch abwarten?“
Jenny: Viele Vereine und Organisationen sind durch ihre Satzung an bestimmte Krankheitsbilder gebunden – zum Beispiel Herzerkrankungen, Krebs oder Behinderungen. Und gerade bei krebskranken Kindern muss man auch sagen: Da wird unglaublich viel getan, es gibt viel Aufmerksamkeit, viel Unterstützung und sehr viele Spenden. Das ist wichtig und richtig – gar keine Frage.
Aber es gibt auch Familien, die durchs Raster fallen, weil sie nicht „in eine Schublade passen“. Kinder, die schwer krank sind, oft seit Monaten oder über ein Jahr, aber ohne klare Diagnose. Diese Familien sind dann häufig ein Sonderfall – und genau dadurch finden sie kaum Anlaufstellen. Sie passen nirgends so richtig rein. Deshalb haben wir unsere Satzung ganz bewusst so entwickelt, dass wir genau diesen Familien helfen dürfen. Denn auch diese Eltern haben schwer kranke Kinder. Auch sie kämpfen mit Therapien, Hilfsmitteln, ständigen Untersuchungen und einer enormen Belastung im Alltag. Oft können Eltern wegen der Situation nicht mehr oder nur eingeschränkt arbeiten – und trotzdem läuft das Leben weiter, mit allen Kosten, Ängsten und Sorgen.
Und genau da möchten wir nicht wegsehen. Wir wollen diesen Familien zeigen: Ihr seid nicht allein. Auch wenn es noch keinen Namen für die Krankheit gibt, ist das Leid real. Und wenn niemand zuständig ist, wollen wir die sein, die sagen: Hey – wir sehen euch. Und wir stehen an eurer Seite.
4. Lokal verwurzelt: Das Rückensturm-Nest in Rimpar
„Man trifft euch beim Würzburger Kinderfest mit Vitamin-Shots oder sieht eure Kooperationen mit lokalen Firmen wie J.E. Schum. Mit dem ‚Rückensturm-Nest‘ in Rimpar habt ihr seit Mitte 2025 zudem einen festen Rückzugsort geschaffen. Was bedeutet dieser Ort für Eltern, die zur Behandlung ihrer Kinder nach Würzburg kommen, und wie kam es zu der Entscheidung für diesen Standort?“
Sebastian: Die lokale Verbundenheit ergibt sich daraus, dass ich gebürtiger Estenfelder bin. Jenny ist eine Freundin einer ehemaligen Arbeitskollegin und Christian ein langjähriger Freund von mir, beide in Würzburg zu Hause. Das „Rückensturm-Nest“ ist Teil einer Familienimmobilie, die aus privaten Gründen leer wurde. Der Garten bedeutet für mich seit meiner Kindheit Erholung und Ruhe, selbst die Arbeit darin. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen damit, aber auch welche die mit schweren Krankheiten und den Kampf dagegen zu tun haben. Ich denke, die geplante Nutzung ist im Sinne meiner Großeltern und hoffe, es gut umsetzen zu können.


Jenny: Für Familien, die für die Behandlung ihres Kindes nach Würzburg kommen, soll das Nest ein geschützter Rückzugsort sein – ein Ort der Ruhe, an dem sie neue Kraft schöpfen können, während der Klinikalltag alles abverlangt. Gleichzeitig möchten wir das Nest auch Familien öffnen, die einfach kurzfristig Abstand und Erholung brauchen. Unser Ziel ist es, diese Auszeit perspektivisch kostenfrei zu ermöglichen – deshalb freuen wir uns über regionale Partner und Unterstützer, die dieses Projekt langfristig mittragen möchten.
5. Das Versprechen: 100 % Hilfe
„Ihr garantiert, dass jeder gespendete Euro ohne Abzug von Verwaltungskosten bei den Familien ankommt, weil der IT-Betrieb die Fixkosten trägt. Warum ist euch diese radikale Transparenz so wichtig und wie können Würzburger und die lokalen Unternehmen euch dabei unterstützen – vielleicht sogar gerade dadurch, dass sie ihre IT in eure Hände legen?“
Sebastian: Während der Planung der Benefiz-Radtour, die ich oben erwähnt habe, hatte ich viele Gespräche mit Vereinen, die ich mit dem Erlös unterstützen wollte. Dabei kam heraus, wie mühsam es ist, Spenden aufzutreiben. Ein Beispiel, das mir damals genannt wurde, war der Antrag eines Jungen, der einen Aufzug benötigte für ca. 150k €. Das Jahresbudget des Vereins lag aber nur bei 30k € – somit nicht finanzierbar. Dazu die eigene Erfahrung, wie schwer es ist, Spenden einzusammeln und wie oft man auch abgewiesen wird. Die Bilanz des ersten Jahres zeigt, dass die Verwaltungskosten ohne den wirtschaftlichen Betrieb die Spenden komplett aufgebraucht hätten. Wir hätten also ein Jahr sehr viel Aufwand gehabt, ohne auch nur einem Kind zu helfen. Das unterstreicht den Wert einer Spende, die uns vertrauensvoll gegeben wird. Langfristig soll der wirtschaftliche Umsatz natürlich die Verwaltungskosten übersteigen und somit weitere Hilfen ermöglichen. Aber der erste Meilenstein – das Versprechen, 100% der Spenden für Kinder zu verwenden – ist erreicht. Unterstützen kann man diese Entwicklung durch das Buchen unserer IT-Dienstleistungen und einer Empfehlung bei Zufriedenheit!
6. Ein Blick nach vorn
„Wenn wir uns in drei Jahren wieder zusammensetzen: Was möchtet ihr mit Rückensturm in Mainfranken erreicht haben? Welches Bild von ‚Wirtschaft trifft Ehrenamt‘ möchtet ihr hier in der Region fest etablieren?“
Jenny: Ich wünsche mir einfach, dass wir konstant weiter wachsen – nicht nur „größer“, sondern auch im Herzen: dass wir immer wieder neue Ideen haben, neue Wege finden und Menschen anziehen, die sagen: Wir wollen da mithelfen. Und ich hoffe sehr, dass das Rückensturm-Nest genau das werden darf, was es sein soll: ein Ort zum Durchatmen, zum Kraft tanken, ein kleines Stück Ruhe mitten im ganzen Sturm, den diese Familien aushalten müssen.
Und ansonsten gilt eigentlich das, was Sebastian schon gesagt hat: Dass wir als Team stabil bleiben, zusammenhalten und Rückensturm mit genau dieser Leidenschaft weiter tragen.
Sebastian: Wir haben heute schon so viel mehr und vor allem anderes erreicht, als es anfangs der Plan war. Von daher ist eine Prognose eher schwierig. Wünschenswert wären eine gut händelbare Menge an Stammkunden und eine vertrauenswürdige Belegschaft, die sich gut versteht und sich mit kreativen Ideen in die Firmenentwicklung einbringt. Ich denke, da sind wir auf einem guten Weg. Daher ein herzliches Danke an Jenny und Christian für die bisherige Leistung, die Kreativität und die Leidenschaft, die sie an den Tag legen! Ohne sie wäre die Rückensturm bei weitem nicht das, was sie heute ist!


