Würzburg | Beitrag der Redaktion | 28. August 2026
“Antisemitismus geht uns alle an” – Im Gespräch mit Konstantin Mack von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Würzburg

Jeden Monat stellen wir auf dem City Blog Würzburg ein Projekt oder eine Persönlichkeit vor, die sich in besonderer Weise für unsere Region engagiert. Diesmal sprechen wir mit Konstantin Mack, dem Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Würzburg (DIG). Der Verein setzt sich seit Jahren für die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel sowie für den Abbau antisemitischer Vorurteile ein – ein Thema, das durch einen jüngsten Vorfall in Würzburg zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat.


Herr Mack, was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Würzburg zu engagieren?

Ich engagiere mich schon seit vielen Jahren im Bereich der Erinnerungskultur und der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Während meines Studiums habe ich mehrere Monate in Tel Aviv verbracht. Nach meiner Rückkehr wollte ich Israel auch in Würzburg stärker sichtbar machen und den gesellschaftlichen Austausch fördern, sodass ich zunächst der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) beigetreten bin. Deren damaliger Vorsitzender suchte bereits nach einer Nachfolge, und ich habe diese Herausforderung gerne angenommen, weil ich darin die Möglichkeit gesehen habe, meine persönlichen Erfahrungen und mein Engagement miteinander zu verbinden.

Konstantin Mack, Vorsitzender der Deutsch-israelischen Gesellschaft in Würzburg

Die DIG Würzburg setzt sich für die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel sowie den Abbau antisemitischer Vorurteile ein. Wie sieht diese Arbeit konkret aus – welche Projekte oder Veranstaltungen gibt es hier in Würzburg und der Region?

Unsere Arbeit reicht von Vorträgen und Podiumsdiskussionen über Kundgebungen bis hin zu Ausstellungen. Ähnlich vielseitig sind auch unsere Themen: Wir haben uns etwa damit beschäftigt, was Deutschland von Israel hinsichtlich eines nachhaltigen Umgangs mit Wasser lernen kann, oder beim „Frühling International” kulinarische Spezialitäten aus Israel vorgestellt. Infolge des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 liegt unser Fokus verstärkt auf dem seither erstarkten Antisemitismus. Anfang des Jahres haben wir Efrat Machikawa nach Würzburg eingeladen – Teile ihrer Familie wurden am 7. Oktober als Geiseln nach Gaza verschleppt. Uns ist wichtig, dass solche Stimmen auch hier vor Ort gehört werden. Unsere Jugendorganisation „Junges Forum” richtet ihren Blick vor allem auf Antisemitismus an Schulen und Hochschulen, um dort zu sensibilisieren, differenzieren und Wissen zu vermitteln.

Vor Kurzem wurde in Würzburg ein Mann angegriffen, der einen Israel-Anstecker trug – ein Fall, der bundesweit Aufsehen erregt hat. Wie hat dieser Vorfall die Arbeit und die Stimmung in Ihrer Organisation beeinflusst?

Unsere Mitglieder waren schon zuvor mit Einschüchterungen, Bedrohungen und auch körperlichen Übergriffen konfrontiert, sodass wir – leider – nicht überrascht waren, dass es zu einem solch brutalen Übergriff gekommen ist. Dennoch hat die Brutalität eine neue Qualität erreicht. Enttäuscht waren wir zunächst besonders vom Schweigen großer Teile der Würzburger Zivilgesellschaft, schockiert haben uns die hunderten Hasskommentare in sozialen Netzwerken, mit teils offenem Antisemitismus. Andererseits haben sich viele Menschen bei uns gemeldet und ihre Unterstützung für den Betroffenen ausgedrückt. Bei unserer Solidaritätsveranstaltung Ende Juli wurde ebenfalls deutlich, dass sich viele Menschen in Würzburg gegen Antisemitismus stark machen und sich von Hass und Hetze nicht einschüchtern lassen.

Solche Vorfälle zeigen, dass sichtbare Solidarität mit Israel im Alltag zur Gefahr werden kann. Was macht das mit den Menschen, die sich in der DIG engagieren?

Natürlich hinterlässt das Spuren. Nach dem Angriff war bei vielen von uns Verunsicherung zu spüren, und wir mussten uns auch stärker mit Sicherheitsfragen beschäftigen. Zugleich wäre es fatal, sich nun aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Denn das würde diejenigen belohnen, die unsere demokratische Gesellschaft ablehnen. Deshalb versuchen wir, beides miteinander zu verbinden: verantwortungsvoll mit der realen Gefährdung umzugehen und trotzdem sichtbar zu bleiben. Der Angriff hat uns getroffen, aber er hat unseren Entschluss nicht verändert, weiter Veranstaltungen zu organisieren, öffentlich aufzuklären und uns an die Seite derjenigen zu stellen, die von Antisemitismus betroffen sind.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass sich auch Menschen ohne jüdischen Hintergrund aktiv dagegen positionieren?

Antisemitismus ist kein Problem, dessen Bekämpfung man allein Jüdinnen und Juden überlassen kann. Es wäre eine Umkehr der Verantwortung, wenn ausgerechnet die Betroffenen selbst für ihre Sicherheit und Sichtbarkeit kämpfen müssten. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und geht uns deshalb alle an. Die DIG versteht sich bewusst nicht als jüdische Interessenvertretung, sondern als ein Verein, in dem sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und politischer Überzeugungen gemeinsam engagieren. Dabei bedeutet Solidarität mit Israel nicht, jede Entscheidung einer israelischen Regierung zu unterstützen. Vielmehr geht es um die Anerkennung des Existenzrechts Israels und um eine klare Haltung gegen Antisemitismus. Dass sich auch nicht-jüdische Menschen dafür einsetzen, ist ein wichtiger Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität.

Was können die Bürger:innen in Würzburg konkret tun, wenn sie sich – unabhängig von politischen Positionen – gegen Antisemitismus und für ein respektvolles Miteinander einsetzen möchten?

Das Wichtigste ist, Antisemitismus im Alltag nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Viele denken an politische Debatten oder große geopolitische Konflikte. Tatsächlich beginnt der Einsatz gegen Antisemitismus aber oft im Kleinen: Das kann bedeuten, antisemitische Aussagen im Freundeskreis zu hinterfragen, am Arbeitsplatz Haltung zu zeigen oder im Verein darauf zu achten, dass Ausgrenzung und Vorurteile keinen Platz haben. Wer beobachtet, dass Menschen beleidigt, bedroht oder angegriffen werden, sollte nicht wegsehen, sondern Unterstützung organisieren und die Polizei rufen. Respektvolles Miteinander entsteht nicht von selbst. Entscheidend ist die Bereitschaft, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und dort klar Stellung zu beziehen, wo Antisemitismus sichtbar wird. Eine offene und vielfältige Gesellschaft lebt davon, dass ihre Mitglieder Verantwortung übernehmen.


Wer sich für die Arbeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Würzburg interessiert oder sich engagieren möchte, findet weitere Informationen auf den Kanälen der DIG Würzburg.