Persönlichkeiten aus Würzburg: Migrationshilfe des Malteser Hilfdienst e.V. Würzburg

Wer an das Thema Migration denkt, hat oft Schlagworte wie Klimawandel, globale Krisen oder endlose Behördengänge im Kopf. Doch wie sieht das Ankommen in unserer Stadt eigentlich konkret aus, wenn der erste Mietvertrag unterschrieben und der Sprachkurs absolviert ist?

Die Malteser Migrationshilfe Würzburg beweist, dass Integration keine Einbahnstraße ist, sondern ein Prozess, der auf Augenhöhe stattfindet. Hier geht es nicht nur darum, Formulare auszufüllen, sondern Menschen zu befähigen, selbst Verantwortung zu übernehmen – zum Beispiel durch das innovative Projekt „OPEN EA“, das Ehrenamt für alle öffnet.

Wir haben mit Simone Schubert (Referentin Migration und Integration) und Barbara Griesbach (Leiterin Integrationsdienst Würzburg) darüber gesprochen, warum der Kampf gegen globale Ungerechtigkeit direkt vor unserer Haustür in Mainfranken beginnt, wie wichtig kritisches Feedback der Geflüchteten für ihre Arbeit ist und warum das Ehrenamt oft mit einer ganz pragmatischen Erkenntnis startet: dem Berg an Papierkram.

1. Der Einstieg: Mehr als nur Formulare

“Wenn man an Migrationshilfe denkt, haben viele zuerst Behördengänge im Kopf. Die Malteser sagen aber: ‘Integration geht weit über den ersten Job oder Mietvertrag hinaus’. Was genau meint ihr damit und wie sieht diese Begleitung auf Augenhöhe im Würzburger Alltag aus?”

Viele Menschen denken beim Thema Integration zunächst an Sprachkurse, weil Sprachkenntnisse einfach die Basis von allem weiteren sind. Den meisten Ehrenamtlichen, die sich bei uns engagieren, ist daher erstmal nicht bewusst, wieviel Papierkram zu erledigen ist – das ist später dann allerdings eine der prägendsten Erkenntnisse in diesem Ehrenamt.

Unsere Integrationsarbeit versteht sich so, dass sie Menschen an unterschiedlichen Stationen ihres Integrationsweges abholt: bei der ersten Orientierung, beim Spracherwerb, beim Zurechtfinden im Alltag und im sozialen Umfeld bis hin zur Übernahme eines eigenen, verantwortungsvollen Ehrenamts. Mit „Auf Augenhöhe“ meinen wir, dass die Hilfsangebote und Unterstützung nicht kritiklos angenommen werden müssen, sondern wir uns immer wieder auch das Feedback von den Geflüchteten holen, wie wir Angebote besser und passender machen können.

2. Der Blick aufs Ganze: Warum wir heute helfen

“Ihr benennt Fluchtursachen wie Kriege, den Klimawandel oder die Folgen des Kolonialismus klar als Treiber von globalen Migrationsbewegungen unserer Zeit. Warum ist es für die Arbeit hier vor Ort wichtig, diesen globalen Blick zu behalten, und wie beeinflusst das eure Haltung gegenüber den Menschen, die hier ankommen?”

Fluchtursachen sind strukturelle Themen, die die Ungerechtigkeiten in der Welt aufzeigen. Es ist generell wichtig, sie zu kennen und einzuordnen zu können. Für unsere Arbeit vor Ort spielt es allerdings keine Rolle, warum jemand letztendlich seine Heimat verlassen hat. Wir sehen den einzelnen Menschen und bieten hier vor Ort konkrete Unterstützung. Das ist übrigens hilfreich, um nicht an den globalen Problemen zu verzweifeln und komplett zu resignieren, weil man sich so machtlos fühlt. Allerdings wissen wir: Immer mehr deutsche Ehrenamtliche engagieren sich gerade im Bereich Integration, weil sie sich der Ungerechtigkeit in der Welt und ihrer Privilegien bewusst sind.

3. Offenheit für alle: Ein Zeichen gegen Ausgrenzung

“Euer Angebot richtet sich an alle Menschen – unabhängig von Religion, Herkunft oder sexueller Orientierung. Inwiefern verstehen sich die Malteser in Würzburg damit auch als ein wichtiges Bollwerk gegen Rassismus und Diskriminierung in unserer Stadtgesellschaft?”

Die Malteser als Bundesverband bekennen sich klar zu Diversität. Wir vor Ort können dieses Bekenntnis mit Leben füllen: Nicht nur bei den Geflüchteten spielen Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung keine Rolle, sondern auch im ehrenamtlichen Team ist jede*r – und das Sternchen ist hier ganz bewusst gewählt – willkommen. Für uns als Malteser ist das ganz klar unser Weg, uns politisch und gesellschaftlich gegen Rassismus und Diskriminierung zu positionieren: nämlich indem wir Vielfalt einfach leben und von den unterschiedlichen Perspektiven im ehrenamtlichen Team profitieren.

4. Das innovative Projekt: OPEN EA

“Mit ‘OPEN EA – Ehrenamt für Alle’ geht ihr einen neuen Weg: Menschen mit Fluchtgeschichte werden hier selbst zu ehrenamtlichen Helfenden. Warum ist dieser Rollenwechsel vom ‘Hilfsempfänger’ zum ‘Mitgestalter’ so wichtig für das Ankommen in unserer Region?”

Man muss sich das bewusst machen: Hilfe ist immer auch etwas Hierarchisches: Auf der einen Seite die Helfenden, die etwas bieten können – z.B. Zeit, Geld, Wissen, Netzwerke – und auf der anderen Seite die Hilfeempfangenden, die eben all das nicht haben. Diese Hierarchie wollen wir so schnell es geht durchbrechen, denn jeder Mensch bringt ja Kompetenzen mit, mit denen er andere unterstützen kann. Wir bieten deshalb bewusst auch Menschen mit Migrationserfahrung, die noch kein oder wirklich sehr wenig Deutsch können, die Möglichkeit, sich ehrenamtlich einzubringen. Am Anfang übernehmen sie natürlich recht einfachen Aufgaben. Dabei können sie wachsen, immer mehr Verantwortung übernehmen und vor allem Gemeinschaft erfahren. Unsere Erfahrung ist: Die meisten Menschen wollen aktiv sein und identifizieren sich über ihr Tun und über das Gefühl, etwas bewirken zu können. Dieses positive Gefühl sehen wir als ganz entscheidend für eine gelingende Integration. Das Projekt Open EA ist inzwischen ein Schwerpunkt im Integrationsdienst und dafür werden wir auch über die Förderung Bundesprogramm Gesellschaftlicher Zusammenhalt vom BAMF gefördert.

5. Gewinn für Würzburg: Was Vereine lernen können

“Das Projekt will auch bestehende Würzburger Vereine inklusiver machen. Welchen Mehrwert bietet es beispielsweise einem Sportverein oder einer Kulturinitiative, wenn sie sich für Ehrenamtliche mit Migrationsgeschichte öffnen?”

Da fallen uns viele Punkte ein:

  • Auf der einen Seite suchen viele Vereine ja händeringend nach neuen Ehrenamtlichen – und auf der anderen Seite gibt es so viele Menschen, die gerne dazugehören und sich engagieren möchten.
  • Wer Menschen mit Migrationsgeschichte in den Reihen der Ehrenamtlichen hat, spricht zudem auch ganz neue Zielgruppen an.
  • Aktive migrantische Ehrenamtliche sind Rollenmodelle für migrantische Jugendliche, die vielleicht auf der Suche nach ihrem Weg sind…
  • und zuletzt gewinnt man als Verein schlichtweg viele neue Perspektiven, die man sonst nicht hätte.

Klar, es ist immer auch ein bisschen anstrengender, wenn nicht alle im Verein aus derselben Bubble kommen – das sollte man sich vorher einmal bewusst machen. Gerade Menschen mit Fluchterfahrung wissen oft aus ihren Heimatländern nicht konkret, was „Ehrenamt“ überhaupt bedeutet, da muss man manches vielleicht öfter erklären. Und beim traditionellen Vereins-Grillen kann es dann vielleicht halt nicht nur Würste aus Schweinefleisch geben. Aber wir sind der festen Überzeugung, dass es den Mehraufwand wert ist und man als Mensch und als Verein belohnt wird.

6. Der Aufruf: Wie werde ich Teil davon?

“Egal ob mit oder ohne eigene Migrationsgeschichte: Wie können Würzburger Bürgerinnen und Bürger bei euch aktiv werden, und braucht man dafür bestimmte Voraussetzungen oder einfach nur ein offenes Herz?”

Ein offenes Herz ist schonmal ein guter Anfang. Für die meisten Projekte braucht man abgesehen davon vor allem ein bisschen Zeit und die Bereitschaft, sich in die Lebensrealitäten von anderen Menschen einzudenken. Bei manchen Projekten sind zusätzlich Kompetenzen in gewissen Themen gefragt – oder zumindest das Interesse, sich ggf. einzuarbeiten, z.B. beim Deutschunterricht, beim Thema Jobmentoring, bei den IT-Kursen oder der Kinderbetreuung. Wir schulen zudem alle Ehrenamtlichen am Anfang ihres Engagements und begleiten sie währenddessen.


Ihr habt Lust bekommen, euch ehrenamtlich zu engagieren? Der Malteser Hilfsdienst bietet unkompliziert die Möglichkeit sich anzumelden: