Würzburg | Beitrag der Redaktion | 5. Mai 2026
Persönlichkeiten aus Würzburg: Greta Niewiadomski

In unserem aktuellen Interview treffen wir Greta Niewiadomski, die als Werbegesicht der neuen WVV-Kampagne derzeit überall im Würzburger Stadtbild präsent ist. Die Psychologiestudentin und Wahl-Würzburgerin nutzt ihre Reichweite, um ein modernes Bild von Inklusion und High-Tech-Prothetik zu vermitteln. Im Gespräch verrät sie, an welchen Ecken in Würzburg sie noch Nachbesserungsbedarf sieht und warum sie ihre Prothese eher als „nützliches Gadget“ statt als Identität betrachtet. Greta spricht zudem über ihre Erfahrungen als Model und warum Sichtbarkeit allein noch nicht ausreicht. Erfahre hier, was sie über Barrieren in den Köpfen und das Leben in der Domstadt denkt.

Die Würzburger Perspektive

„Greta, du bist zum Studium aus Norddeutschland ins schöne Würzburg gezogen. Wenn du heute mit deiner Prothese – deinem ‚nützlichen Gadget‘, wie du es nennst – durch die Stadt gehst: Wo in Würzburg fühlst du dich besonders ‚barrierefrei‘ willkommen, und an welcher Ecke (vielleicht am Mainufer oder in der Altstadt) müsste die Stadt in Sachen Inklusion noch dringend nachbessern?“

In Würzburg gibt es auf jeden Fall noch einige Barrieren – zum Beispiel bauliche Hindernisse, fehlende Leitsysteme oder auch zu wenig Rückzugsmöglichkeiten für Menschen mit psychischen Belastungen. Ein gutes Beispiel sind die alten Straßenbahnen, die neulich wieder unterwegs waren: total nostalgisch und irgendwie schön, aber eben leider gar nicht barrierefrei.

Mich persönlich betrifft das im Alltag gar kaum. Ich bin mit einer fehlenden Hand geboren und komme überall gut hin. Mir fällt das Thema eher bei anderen auf – zum Beispiel bei Freund*innen mit Behinderungen oder bei meiner Arbeit im Blindeninstitut. Da merkt man schnell: Es gibt noch ziemlich viel Luft nach oben.

Das Wissenschaftsjahr 2026 & die „Medizin der Zukunft“

„Als Gesicht der bundesweiten Kampagne ‚Medizin der Zukunft‘ stehst du für den Fortschritt in der Prothetik. Wie fühlt es sich an, einerseits als Psychologin die menschliche Seite zu studieren und andererseits selbst das Beispiel für High-Tech-Medizin zu sein? Ist die Prothese für dich eher ein Werkzeug zur Gleichstellung oder ein Teil deiner Identität?“

Ich würde sagen: weder noch. Die Prothese ist für mich kein Werkzeug zur Gleichstellung – einfach schon deshalb, weil nicht alle Menschen mit Behinderung Zugang zu solcher Hightech haben. Und ein Teil meiner Identität ist sie auch nicht, denn ich trage sie nur in ganz bestimmten Situationen.

Für mich ist sie eher wie ein Accessoire oder ein Kleidungsstück. Sie hat ein futuristisches Design und eignet sich dadurch gut als Symbol für die Medizin der Zukunft – was gerade in sozialen Situationen einen großen Wert haben kann.

Gleichzeitig ist mir aber wichtig zu betonen, dass die Zukunft der Medizin mehr ist als Hightech und Innovation. Bei einer Rede im Ministerium habe ich neulich darauf hingewiesen, dass die Medizin der Zukunft alle mitdenken muss und eben alle Menschen in ihrer Vielfalt berücksichtigt.

Sichtbarkeit vs. Klischee

„Du hast einmal gesagt: ‚Wenn wir auf Plakate gedruckt werden, kann man uns nicht mehr übersehen.‘ Am 5. Mai ist der Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Erleben wir gerade einen echten Wandel in der Modewelt und Gesellschaft, oder ist die Buchung eines ‚Bionic Models‘ oft noch reines ‚Diversity-Marketing‘ ohne echten Tiefgang?“

Das ist eine sehr gute Frage. Ein Model mit Prothese – also mit sichtbarer Behinderung – ist vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass es oft noch dieses futuristische „Gadget“ braucht, um in der Modewelt überhaupt wahrgenommen zu werden. Wenn Behinderung erst ästhetisch inszeniert sein muss, um gesehen zu werden, sind wir eigentlich noch längst nicht am Ziel.

Dazu kommt: Nur weil Menschen mit Behinderung auf Plakaten zu sehen sind, heißt das noch lange nicht, dass sich Unternehmen wirklich für ihre Belange einsetzen. Sichtbarkeit allein reicht nicht.

Deshalb sind Aktionstage weiterhin wichtig, um auf solche Themen aufmerksam zu machen – zum Beispiel der 5. Mai oder auch der Tag der Amputierten am 21. April, den der Bundesverband für Menschen mit Arm- und Beinamputation ins Leben gerufen hat. Gleichzeitig habe ich oft das Gefühl, dass diese Tage vor allem von Betroffenen selbst wahrgenommen werden. Die Kampagnen, in denen ich als Model zu sehen bin, werden hingegen von der ganzen Bevölkerung gesehen, und das ist schon viel wert.

Psychologie & Empowerment

„Du planst nach deinem Master in Würzburg die Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Inwiefern hilft dir deine eigene Geschichte dabei, Barrieren in den Köpfen deiner Klienten abzubauen? Möchtest du später gezielt mit Menschen arbeiten, die ähnliche körperliche Herausforderungen haben?“

Ich bin ein sehr vielseitiger Mensch und mag es gern, mich mit unterschiedlichen Lebensrealitäten zu befassen. Neben meinem Masterstudium unterstütze ich Vereine und Jugendcamps für Kinder mit fehlenden Gliedmaßen und andere Behinderungen.

Für meinen Hauptjob möchte ich mich auch bewusst mit Themen beschäftigen, die nicht oder nicht in erster Linie mit meiner eigenen Biografie zu tun haben – deshalb zum Beispiel psychische Erkrankungen. Damit hatte ich vor meinem Studium kaum Berührungspunkte, und genau das ist für mich oft ein Anreiz, genauer hinzuschauen.

Der Aktivist Raúl Krauthausen hat einmal gesagt: „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zum Berufsbehinderten werde.“ Das trifft es für mich ziemlich gut. Meine Behinderung ist ein Teil von mir, aber eben nur eine Facette – sie macht mich nicht allein aus.

Taekwondo & Körpergefühl

„In deinem Instagram-Kanal sieht man dich beim Taekwondo. Kampfsport erfordert extreme Körperbeherrschung und Fokus. Hat dir der Sport dabei geholfen, dein Bild von deinem eigenen Körper – mit und ohne Prothese – zu verändern, und gibt es einen Würzburger Verein, den du für inklusive Sportangebote besonders empfehlen kannst?“

Ja (lacht), Taekwondo war so eine Sache. Ich probiere einfach gern Neues aus – und bin damit im Taekwondo in Kitzingen ziemlich schnell weit gekommen. Theoretisch wäre sogar der Weg bis zu den Paralympics drin gewesen, aber mit meinem Studium und den vielen Nebentätigkeiten wurde mir das mit der Sportlerkarriere irgendwann zu viel.

Das war aber auch ein wichtiges Learning für mich: Man muss nicht alles machen oder überall perfekt sein. Grundsätzlich kann Sport definitiv inklusiv sein – auch wenn ich im Verein meistens die einzige Sportlerin mit Behinderung war. Spaß gemacht hat es mir trotzdem auf jeden Fall.

Eine Botschaft an die Community

„Der City Blog Würzburg möchte zeigen, was Menschen füreinander tun können. Was ist dein wichtigster Rat an die Würzburgerinnen und Würzburger, die im Alltag einem Menschen mit sichtbarer Behinderung begegnen: Wie sieht die perfekte Mischung aus Aufmerksamkeit, Hilfe und ‚einfach ganz normal behandeln‘ aus?“

Ich kann da natürlich nur für mich sprechen, aber ich finde es immer angenehm, wenn mir Menschen zutrauen, dass ich selbst nach Hilfe frage, wenn ich sie brauche. Mitleid brauche ich nicht – ich leide ja nicht. So einfach ist das. Und oft merkt man dann auch, wie viel eigentlich ganz selbstverständlich möglich ist.

Was ich schwierig finde, ist diese übertriebene Bewunderung bei ganz alltäglichen Dingen. Für die meisten Menschen mit Behinderung sind das schließlich ganz normale Situationen. Gleichzeitig erlebe ich in Würzburg aber auch manchmal das Gegenteil: ein fehlendes Verständnis dafür, dass manche Menschen einfach ein bisschen länger brauchen – sei es an der Supermarktkasse oder beim Aussteigen aus der Straßenbahn.

Da würde ich mir wünschen, dass man kurz innehält, einmal durchatmet und den eigenen Ärger nicht an der falschen Person auslässt. Denn für eine Behinderung kann schließlich niemand etwas.